Ein HELD für die WELT

Mal ganz im Vertrauen…

Entbehrliche Gedanken zum Thema:

Sind Götter auch Menschen?

Der Mensch ist vergeßlich

Aktuelle Ereignisse, liebe Leserschaft, geraten heutzutage schnell in Vergessenheit. Wer über sie berichten will, muß sich beeilen.

Nehmen wir die Fußball-Europameisterschaft 2016. Drei Wochen lang hat sie uns in ihren Bann gezogen, aber inzwischen gibt es längst andere Themen, über die die Welt sich aufregt. Schon kann ich mich kaum noch erinnern, welche Nationen überhaupt teilgenommen haben. Insofern komme ich mit meinen entbehrlichen Gedanken eigentlich wieder mal ziemlich spät.

Wenn es da nicht einige Ereignisse gegeben hätte, die über den Tag hinaus jeder empfindsamen Seele dauerhaft im Gedächtnis bleiben werden: Wie Schweini – kaum eingewechselt – gegen die Ukraine gleich ein Tor schoß. Wie die Isländer im Achtelfinale England rauswarfen. Oder diese Sache mit dem gefallenen Gott.

Ein unfrommer Fehltritt

Unvergessen jener dramatische Augenblick zu Beginn des Finales, wie ER bereits in der achten Spielminute durch den frevelhaften Tritt eines ruchlosen Gegners niedergestreckt wird und mit einem sehr irdischen Schmerzensschrei zu Boden sinkt. Wie ER auf dem Rasen hockt und anklagend die Arme hebt, während Tränen der Empörung über SEINE edlen Wangen rinnen: Völker der Welt! Seht auf diesen Star! Man hat IHN entweiht!!

Mit versagender Stimme flüstert ER: „Oh, meine Vasallen, meine Zulieferer, meine Kameraden“, jetzt müßt ihr ganz allein weiterkämpfen. ICH kann euch nicht helfen. Gebt alles, tut es für MICH und die Menschheit! ICH kann zum Sieg euch nun nicht führen, denn ach! MEIN Knie versagt den Dienst!“

Diese Klage meint jedenfalls der Fernsehberichterstatter von den bebenden Lippen des Größten ablesen zu können. (Vielleicht hat der aber auch nur geflucht: „Scheiße – das war´s dann wohl!“) Nicht auf einer hohen Wolke schwebt ER zum Schluß von hinnen, sondern man schleppt IHN auf einer ganz ordinären Trage vom Platz. Wobei ER platt auf dem Rücken liegt, wie ein hilfloser Maikäfer.

SEIN Name aber ist: Christiano Ronaldo dos Santos Aveiro, und ER gilt gegenwärtig als einer der genialsten Fußballer des Universums. Damit hat ER Anspruch auf göttergleiche Verehrung seitens der Weltbevölkerung. (Die Medien wissen, wie man das steuert.) Hinten auf SEINEM Arbeitsgewand trägt ER die geweihte Zahl Sieben – was man allerdings im Moment nicht sehen kann wegen der Rückenlage.

Medienzeit

Für die vorerwähnten Medien ist dies eine Sternstunde. Die Reporter überbieten einander mit Schreckensmeldungen und düsteren Voraussagen. Die Fernsehkameras gleiten in Zentimeterabstand über die von Schmerz und Wut (und Schauspielkunst?) verzerrten Züge des geschändeten Idols. Daß er im Spiel gern mal hinfällt, ist bekannt. Diesmal aber scheint es ernst zu sein. Und weil es schließlich die Medien sind, die den begnadeten Ballkünstler in den Olymp der Unsterblichen emporgejubelt haben, so haben sie jetzt auch ein Anrecht auf sein Unglück. Diskretion? Rücksichtnahme? Fairneß gar? Aber doch nicht im Profifußball! Das ist ein knallharter Job. Wer da mitmischt (und im Jahr locker ein paar Millionen kassiert), der weiß Bescheid. „Wir machen Götter!“ Allerdings nur, solange sie funktionieren. Bei anhaltender Schwächelei werden sie gnadenlos wieder abserviert. Die Mittel dazu haben wir, und die Spielregeln bestimmen wir auch. Für Herrn Ronaldo ist natürlich zu hoffen, daß er seinen Status noch eine Weile halten kann. Es liegt bei ihm…

Aus fernen Tagen

Jedermann weiß, daß der große Christiano R. auf Madeira geboren und aufgewachsen ist. Daß ich hingegen (und zwar schon viel früher!) meine Kindheit und Jugend im ländlichen Kleckerstedt verbracht habe, ist wohl nicht überall bekannt.

Immerhin: Auch dort gab es einen Turn- und Sportverein TSV, mit einer Ersten und einer Zweiten Herren-Fußballmannschaft, die mit wechselnden Erfolgen am Liga-Geschehen teilnahmen. Als Knabe habe ich kaum ein Heimspiel versäumt, in Gemeinschaft mit jeweils ungefähr fünfunddreißig Sportfreunden und -innen, die stets trickreich versuchten, dem hinkenden Vereinskassierer und seiner Sammelbüchse möglichst zu entwischen.

Bei schlechtem Wetter glich das Spielfeld einem Rübenacker. Den zähen Dreck abwaschen mußten die Spieler nachher zu Hause, denn ein Vereinsheim oder gar Duschen gab es nicht. Der Schiedsrichter kam mit dem Fahrrad. Manchmal trat eine Mannschaft mit nur acht Mann an. Faustkämpfe unter den Zuschauern endeten, sobald einer der Kontrahenten am Boden lag. Da verhielt man sich noch sportlich-fair.

Einmal war sogar eine Altherrenmannschaft vom FC St. Pauli Hamburg zu Gast! Sie fügte dem TSV eine Niederlage im mittleren zweistelligen Bereich zu und trat mit je einem Eimer Rübensaft pro Mann gut gelaunt die Heimreise an – auf einem asthmatischen LKW mit offener Ladefläche.

Ich selbst konnte wegen meiner frühen Brille nicht Fußball spielen. Mein Freund Manni dafür um so besser. Er wurde schließlich so gut, daß die Bundesligisten von Eintracht Bockshorn ihn als Stürmer in ihre Erste Mannschaft holten. Zunächst war er dort recht erfolgreich und schoß sogar mehrere unerwartete Tore (allein 3 gegen Schalke!). Als man ihn dann beim Gegner allmählich ernstnahm, geriet er leider bald an seine Grenzen und saß öfter auf der Bank als gedacht. Und unsere dicke Freundschaft kam auch zum Erliegen, denn angesichts seiner neuen Interessenlage konnte ein berühmter Fußballer wie Manni mit dem dörfischen Corbinian natürlich nicht mehr viel anfangen.

Noch lange aber blieb er der Stolz des TSV Kleckerstedt: Ein frühes Regional-Idol!

Heldengeburtstag

Der 4. Juli 1954 bescherte den gedemütigten Deutschen, die noch vor kurzem den 2. Weltkrieg verloren hatten, zum ersten Mal wieder ein gemeinsames Erfolgserlebnis: In der Schweiz wurde die deutsche Nationalmannschaft bekanntlich völlig unerwartet Fußball-Weltmeister. Dies war „Das Wunder von Bern“. Bald erhielten die Spieler den Status von Helden. Mehr noch: Rundfunkreporter Herbert Zimmermann, vor Begeisterung völlig aus dem Häuschen, erhob den tüchtigen Torhüter Toni Turek gar zum Überwesen. Er jubelte ins Mikrofon: „Toni – Du bist ein Fußballgott!!“

Seither ist auf der Welt kein Mangel an Göttern, Helden und Legenden. Max Schmeling, Fritz Walter, Franz Beckenbauer, Michael Schumacher, Boris Becker, Eddi Merx, Muhammed Ali, Pele, Maradonna, Messi,…

Sie alle haben Großes vollbracht oder vollbringen es immer noch, wenn auch nicht unbedingt in Politik und Gesellschaft. Mehr so im Sport. Und auch nicht ausschließlich zum Wohle der Menschheit, sondern auch ein bißchen zum Wohle ihres eigenen Kontos.

Warum nun diese teils vorbehaltlose Verehrung für sie?

Mit Vernunft hat es nichts zu tun, wohl eher mit Bauchgefühl. Einerseits sucht der Mensch als Herdentier die Geborgenheit in einer – möglichst gleichgesinnten – Gemeinschaft und will vom Stärksten geführt werden. Andererseits möchte er sich aus der Menge herausheben durch besondere Fähigkeiten und Taten. Weil ihm das aber nur selten gelingt, erwählt er sich einen populären Leistungsträger als Stellvertreter und läßt ihn für sich handeln und siegen. Wenn er also einem Publikumshelden zujubelt, so feiert er damit sein Leittier und empfindet dessen Großtaten letztlich als seine eigenen.

Zugegeben: Vielleicht ein etwas simpler Denkansatz.

Die wundersame Auferstehung

Jetzt hätte ich es beinahe vergessen: Die Portugiesen sind ja Europameister geworden. Schwach gespielt, stark gekämpft, ein Glückstor geschossen… Ich gönne es ihnen trotzdem. Es müssen nicht immer dieselben gewinnen. Wie aber ist dieser Sieg zustande gekommen?

Durch Auferstehung.

Denn rechtzeitig vor Beginn der Verlängerung taucht der so schwer verletzte Schmerzensmann Ronaldo, das Knie wohlbandagiert, plötzlich wieder bei seinen Kameraden auf. Sofort übernimmt er das Kommando, beschwört, gestikuliert, motiviert, weist an, teilt ein… Dem Spieler Eder befiehl er gar, nunmehr ein Tor zu schießen. Und der tut´s! Das Siegtor! Auf des Höchsten persönliche Anweisung!

Wie der Held nun den Trainer Fernando Santos einfach verächtlich beiseite schiebt, wie er vom Spielfeldrand aus seine Anweisungen über den Platz schreit, wie er hin und her springt (Knie? welches Knie?) und die erschöpften Kollegen zum Sieg treibt – wer außer ihm hätte das leisten können?

Und so heißt es denn später überall: Portugal ist Europameister. Dank Ronaldo. Der hat´s gewonnen. Obwohl er, genau genommen, ja nur ein paar Minuten auf dem Platz war. Niemand aber hat anschließend den Meisterpokal höher in den Abendhimmel gereckt als er. Man muß schon ein Gott sein, um das alles zu schaffen.

Fußball: Nichts Genaues weiß man nicht

Ich würde es so gern begreifen: Warum brennen weltweit so viele Menschen gerade für diese Sportart, für „ihren“ Verein, für „Ihre“ Nationalmannschaft – auch ohne selbst mitzuspielen? Was versetzt sie zuweilen derart in Begeisterung und Euphorie, aber auch in Wut und Verzweiflung? Aus welchen Gründen hängt ihr persönliches Wohlergehen an einem Tabellenplatz? Wieso vergöttern sie diese abgehobenen Spieler, denen die einzelnen „Fans“ persönlich doch völlig unbekannt und (vermutlich) ziemlich wurscht sind? Was ja auch gar nicht anders sein kann: Soll der Bayern-Torwart bei einem Spitzenspiel im heimischen Stadion etwa alle 75.000 Zuschauer kennen und womöglich per Handschlag begrüßen? Mal ein Autogramm auf den bereitwillig gekrümmten Rücken kritzeln, mal ein verschwitztes Trikot in die Menge schmeißen, und natürlich den Gegner besiegen – viel mehr erwarten die Gläubigen von ihren Göttern und Helden ja gar nicht. Und wenn die auch noch so schlecht spielen – Hauptsache: „Wir“ gewinnen!

Was steckt dahinter? Wer kann mir das erklären?

Vielleicht Günni in Stickenbüttel! Ihn muß ich fragen. Er weiß so viel! Ein Schoppen Grauburgunder wird unser Gespräch beflügeln.

Selbst Günni muß passen

Aber auch Günni sieht sich außerstande, mich zu erleuchten: „Was weiß denn ich!? Übrigens darf ich dich daran erinnern, daß mir das Thema „Fußball“ ziemlich am Gesäß vorüberwandelt!“ (Er hat es im Original etwas anders formuliert.)

Aber: Wenn ich schon davon anfinge, dann solle ich ihm doch bitte mal erklären, warum diese hochbezahlten Superstars so oft am Tor vorbeisemmeln? Weshalb sie ständig auf das Spielfeld rotzen, und die anderen fallen dann da rein? Wieso man in vielen Spitzenmannschaften kaum noch Einheimische findet? Warum einige „deutsche“ Nationalspieler beim Absingen der Hymne beharrlich die Lippen zusammenpressen? Wozu mit Spielern und Trainern immer feierliche Verträge abgeschlossen würden, die man dann nach Belieben und gegen irrwitzige Zahlungen vorzeitig auflöst? Transfersummen in zweistelliger Millionenhöhe – sei das moderner Menschenhandel oder nicht? Und was ich zu diesen Hohliganz meine? Jedes Wochenende Gewalt und Verwüstung, trotz 1.500 Polizisten? Welcher Steuerzahler wohl dafür aufkommen müsse, daß bekloppte Randalierer ohne Schädelinhalt alles kurz und klein schlagen, weil sie das am besten können?

Was das alles wohl noch mit Sport zu tun habe??

Ach ja: Und weshalb man bei so faden Massenveranstaltungen wie der letzten nicht gleich mit dem Elfmeterschießen anfinge – vorher passiere ja doch kaum was? Es würde viel Zeit gespart, und er, Günni, könne dann endlich seine fußballverrückten Kunden wieder einigermaßen normal erreichen?!

Tröstliches Finale

Auch mehrmaliges Nachschenken hat uns letztlich nicht weitergebracht. Ich habe auf seine Fragen keine gescheiten Antworten gewußt. Wir verstehen eben beide nix von Fußball. Das einzige, was wir durch den Informations-Eifer der Medien aber immerhin mitgekriegt haben:

Poldi ist während der EM Vater geworden. Und Schweini hat gleich nach Turnier-Ende geheiratet. Könnte es also doch sein, daß die Götter manchmal auch Menschen sind? So irgendwie?

Nun freue ich mich richtig auf die nächste Bundesliga-Saison. Warum? Keine Ahnung!

Bis bald mal wieder

Corbinian Wagenseyl.

One thought on “Ein HELD für die WELT

  1. auf die gefahr hin, dass das niemand noch wirklich interessiert:
    der EM-titel für ronaldo & co(nsorten) ist eine bankrotterklärung*) des europäischen fussballs!
    und eine SCHANDE (sowieso)!
    den göttern sei’s geklagt!

    *) das bundesverfassungsgericht definierte einst den begriff STAATSBANKROTT als
    „Missverhältnis zwischen dem Leistungsvermögen und den Passiven“. sollten unsere hohen priester …äähh richter dabei schon an die fussball-EM 2016 gedacht haben?

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