Weihnachten! Noch Fragen??

Erstens

Ich brüte über meiner Kolumne „Weihnachten“. Je mehr ich mich hinein vertiefe, desto ratloser werde ich.
Es wäre viel zu sagen – und ist doch alles schon gesagt. Das ganze Thema: Zu befrachtet? Zu ausgewrungen? Zu viel Rummel? Zu wenig Inhalt? Mal sehen.

Andererseits – Weihnachten ist die Zeit zum Träumen. Vielleicht versuche ich es erstmal damit…

Wir haben also schon wieder Advent, Zeit der Erwartung. Um den vorweihnachtlich gedeckten Couchtisch sitzen drei treue Geschöpfe friedvoll beisammen: Gattin Lieselotte (die Schönste), Hundemädchen Jutta (die Hungrigste) und Gatte Corbinian (der Dickste). Man genießt heißen Kaffee, echten Dresdner Stollen und nahrhafte Hundekekse. Der Flachbildschirm berichtet von einer winterlichen Nordseereise nach Stickenbüttel. Seine Gnaden Putin liefert – noch – das unentbehrliche Heizgas. Ein guter Rotwein füllt die Gläser.
Mit zwei Worten: Behagen pur.

Unvermittelt erhebt sich draußen eine energische, nicht zu hohe Kinderstimme, die irgend etwas befiehlt, worauf ein heiseres „Jawoll, Chef“ zu vernehmen ist. Dann wird anhaltend geklingelt und gleichzeitig gebollert. Es durchfährt uns: Mein Gott – „Hallo Wien“ ist doch längst vorbei?! Wer will denn jetzt noch was von uns? Wir haben doch gegeben… Da flüstert meine kluge Gattin ahnungsvoll: „Corbinian! Ich glaube, das Christkind steht vor der Tür!!“ Jutta knurrt ganz leise, Lieselotte zögert sehr untypisch – also muß ich selbst nachschauen. Und richtig:

In der Nachmittags-Kälte wartet ein etwa 16-jähriges Wesen in weißem Wallegewand, mit blondem Haar und angeklappten Flügeln. Es verbreitet um sich einen milden Schein und mustert mich mit erstaunlich blauen Augen. Dahinter müht sich ein 1-Euro-Umschüler in gebrauchter Kleidung mit etlichen Gepäckstücken ab. An seiner blauroten Nase schimmert ein glänzender Tropfen. Er macht einen recht verdrießlichen Eindruck.. Das könnte der befristete Angestellte Ruprecht sein. (Die Berufsbezeichnung „Knecht“ ist heutzutage nicht mehr erwünscht, obwohl sie durchaus das gleiche bedeutet.)

Ich bitte die beiden einzutreten, voller Vorfreude auf ihre reichlichen Gaben. Aber das Christkind winkt ab:
„Keine Zeit! Maximal 15 Sekunden pro Haushalt nach den neuen EU-Bestimmungen. Und immer chronisch unterbesetzt … Im übrigen: Ist das hier bei Wagenseyl? Ja? Na dann – Hunde würden überhaupt nicht mehr beschert, wegen der Schwarzen Null im Himmelshaushalt.“ Meiner Frau solle ich gefälligst selber was schenken. Und was mich beträfe: „Wer so bescheuerte Kolumnen schreibt, kriegt sowieso nix!“
Ein vernichtender Blick aus den sehr blauen Engelsaugen streift mich flüchtig. Dann: „Frohes Fest allerseits! Ruprecht – nächste Tür!“ – „Jawoll, Chef!“ Und weg sind sie.

Aus der Traum.

Zweitens

Wieder aufgewacht, befinde ich mich nach wie vor am Schreibtisch vor fast leeren Blättern. Aber dieser Traum wirft Fragen auf:
– Warum war das „liebe“ Christkind so ruppig?
– Warum wirkte Herr „Knecht“ Ruprecht so unlustig?
– Was hat ihnen unser friedliches Hundemädchen getan?
– Was soll ich nun meiner Gattin schenken?
– Und wieso haßt man meine harmlosen Kolumnen?
Ich brauche psychiatrischen Beistand. Also rufe ich meinen guten Günni an und schildere ihm kurz den Sachverhalt. Er verspricht, sofort zu kommen. Ein wahrer Freund! Wenn er gebraucht wird, läßt er alles stehen und liegen! (Seine Gattin behauptet: Sonst auch.)

Die Zeit bis zu Günnis Eintreffen nutze ich zum Recherchieren. (Früher sagte man „Nachschlagen“.)
Was hat es überhaupt auf sich mit „Weihnachten“? Wie ist es dazu gekommen? Und welchen Stellenwert besitzt es heute? Meinen altbewährten 24-bändigen Brockhaus habe ich allerdings vor zwei Jahren der hiesigen Kita zum Basteln und Malen gespendet. Stattdessen lasse ich mich nun also begooglen und wikipedieren:

Drittens

Mit dem Weihnachtsfest am 25. Dezember feiern Menschen in aller Welt die Geburt ihres Heilands (Heilbringers). Dieser verspricht, sie zu erlösen von dem ständigen Entsetzen vor den Höllenstrafen, die sie durch ihre andauernden Verstöße gegen die göttlichen Benimmregeln zu befürchten haben.
Nicht Gottes Zorn und Strafgericht erwartet sie also in Zukunft, sondern seine Liebe und Vergebung. Und sie werden eines Tages nicht geschreddert werden, sondern sie dürfen teilhaben am ewigen Leben und an allen Freuden des Himmelreiches. Sie müssen lediglich daran glauben und sich auf Erden anständig benehmen…

Diese „Frohe Botschaft“ muß gefeiert werden! Diejenigen, welche Christus und seiner Lehre folgen, – die „Christen“ also -, machen sich seit etwa dem 4.Jahrhundert tatsächlich daran, den Geburtstag ihres Herrn festlich zu begehen. Dabei bilden sich von Generation zu Generation regional unterschiedliche Gebräuche heraus: Krippendarstellung, Gesänge, Kirchgang, Weihnachtsbaum und gute Gaben.

Auch der Brauch, einander etwas zu schenken, entstand allmählich und auf unterschiedliche Weise. Wer dabei anonym bleiben will, bedient sich gern eines Schenk-Beauftragten, der in geheimnisvoller Mission den braven Menschen Präsente überbringt. Hierzu besonders berufen war wohl als erster der Heilige Nikolaus, im 4. Jahrhundert Bischof von Myra in Klein-Asien. Er hat es bis zum Schutzpatron der Schiffer, Schüler und Kaufleute (!!) gebracht und genoß in der damaligen Welt großes Ansehen. In der Nacht zum 6.Dezember erscheint er in Begleitung seines Faktotums „Knecht“ Ruprecht (auch Krampus genannt) mit dem Elch-Schlitten voller Kleinigkeiten und kümmert sich um die herausgestellten Schuhe.

Gewissermaßen als Konkurrenz zu Nikolaus agiert das Christuskind, also der kleine Jesus, welches im Lauf der Zeit vom Heilsbringer zum Geschenkebringer degradiert wurde. (Heute würde man sagen: Es wurde in die Expedition versetzt.) In dieser Funktion kennen wir es unter „Christkind“, und seine ursprüngliche Bestimmung als Erlöser verliert sich zunehmend im Dschungel der Diesseitigkeit.

Seit dem 19. Jahrhundert nun haben beide Wohltäter einen übermächtigen Konkurrenten bekommen: Jenen alten Herrn im langen roten Mantel und weißen Rauschebart, der ständig einen prall gefüllten Sack voller Pakete auf seinem Rücken herumschleppt: Den Weihnachtsmann. Er verfügt nicht nur über eine für sein Alter erstaunliche Kondition, sondern auch über eine hochmoderne Logistik, die es ihm gestattet, überall gleichzeitig Geschenke zu verteilen. So ist er der allseits bekannte und beliebte Gabenbringer schlechthin geworden. Nikolaus und Christkind dagegen haben Terrain eingebüßt und geraten allmählich ins Hintertreffen. (Wie man hört, wickeln sie ihre Verteilung deshalb zunehmend über das Internet ab.)

Viertens

So weit in aller Kürze einige Fakten. Dabei zeigt sich, daß Weihnachten als Fest der Liebe begangen sein will, als fröhliches und herbeigesehntes Ereignis, auf das viele Menschen sich Jahr für Jahr mit Recht freuen. In der Adventszeit könnten sie sich in Ruhe darauf vorbereiten.
Wenn ich mich allerdings in der Welt so umschaue:

– Gewalttätige Irre wollen angeblich einen neuen „Gottes“staat errichten und bringen dafür abertausende unschuldige Opfer um oder treiben sie in Flucht und Elend. Wieso?
– Jahrzehntelange Auseinandersetzungen um Wüstenland werden nicht etwa beigelegt, sondern bewußt immer wieder neu angezettelt. Tod und Zerstörung sind beabsichtigt. Weshalb?
– Großreiche mißbrauchen ihre Macht, um sich auf Kosten unterlegener Nachbarn auszudehnen.
Opfer spielen keine Rolle. Warum?
Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen…

Alles geschieht im Namen des „richtigen“ Glaubens oder der „Tradition“. Das ist nicht neu, das gab es auch schon vor tausend Jahren – aber wir befinden uns im Heute. Nur: Die miesen Erfahrungen mit sich selbst, die die Menschheit stets aufs Neue hat machen müssen – sie haben nichts genützt. Im Prinzip ist alles so geblieben. Bloß die Mittel sind deutlich wirksamer geworden. Heute können wir einander viel besser auflauern, viel schlimmer beschädigen – und wir stecken alle mittendrin.

Im Nahbereich sieht es nicht besser aus: Randale, Rohheiten, Gewalttaten, Kindesmißhandlungen, erschlagene Helfer/innen (Dominik Brunner, Tugce Albayrak), zunehmende Gefühlskälte und abnehmendes Unrechtsbewußtsein bei den – oft noch jugendlichen – Tätern, eine windelweiche Justiz ohne Rückgrat . . .
Und ein Ende ist nicht abzusehen. Warum verhallt die Botschaft „Friede auf Erden“ so ungehört?
Hat Jesus sich umsonst schinden lassen?

Fünftens

Dies sind Weihnachtsgedanken eines Pessimisten. Leider hat er recht.
Ein Optimist hingegen kommt zu einer ganz anderen Einschätzung:

Weihnachten ist sehr wohl ein Fest des Friedens, der Liebe und der Hinwendung. Familien finden sich „unterm Tannenbaum“ in trauter Runde zusammen. Auch Oma und Opa werden geholt. Es kommt zur Versöhnung mit den nervenden Nachbarn. Freunde liegen sich wiedersehensbewegt in den kräftigen Armen. Tradition und Brauchtum werden getreulich gepflegt. Man tauscht Geschenke, Komplimente und wohlwollende Gedanken. Man hat Zeit füreinander und nimmt sich vor, nach dem Fest ein noch besserer Mensch zu werden. Die Kirchen sind übervoll am Heiligen Abend, und die Herzen vieler Menschen sind es auch. Denn je härter die Welt uns anrempelt, desto mehr sehnen wir uns nach einem Plätzchen zum Verschnaufen. Das finden wir am ehesten in der Weihnachtszeit.

Wer aber arm ist, krank und/oder einsam, wer in Not und Elend vegetiert, wer sich keinen Weihnachtsbraten leisten kann und schon mit einem Teller warmer Suppe glücklich wäre, wer mal jemanden bräuchte, der geduldig zuhört, ohne Vorurteile und gerunzelte Stirn – auch dem wird in der Weihnachtszeit Gutes erwiesen. Um ihn kümmern sich teilnahmsvolle Menschen, freiwillig, (ehren)amtlich und voll bester Absichten. Private Initiativen, Vereine, christliche und weltliche Gemeinden ebenso wie weltumspannende Wohltätigkeitseinrichtungen bieten ihm für kurze Zeit ein vielleicht lange entbehrtes Gefühl der Geborgenheit.
An kleinen Geschenken und Aufmerksamkeiten mangelt es nicht, auch nicht an einem warmen Punsch.
Greifen Sie doch zu! Wir haben für Dich gesammelt! Es ist ja bald Weihnachten!

So sieht es der Optimist. Gottlob hat auch er recht.

Sechstens

Wo also stehen wir?
Einerseits: In unserer Friedenssehnsucht wünschen wir uns das Gottesreich auf die Erde – aber wir tun zu wenig dafür, daß es wirklich kommt. Deshalb werden wir wohl noch lange darauf warten müssen.
Andererseits: Da wir ohne führende Hand nicht sein mögen, geben wir uns derweil mit einem anderen Imperium zufrieden. Sein machtvoller Herrscher heißt „Merkur“ und ist der Gott des Handels, des Gewerbes, Reichtums und Gewinnes (übrigens auch der Diebe). Er verwandelt Wünschende in Habende – allerdings nicht aus Edelmut, sondern gegen Gebühren.
Wer haben will, muß geben! In seinen Kauf- und Handelstempeln stehen die Opfer-Altäre, und namentlich zur Weihnachtszeit drängeln sich dort die Gläubigen. Das freut den Merkur! Abends läßt er sich die Umsatzzahlen zusammenstellen und überschlägt mit göttlicher Geschwindigkeit seinen Gewinn. Bleibt ein Plus, so lobt er sein Volk. Im Minusfall bedroht er es unverzüglich mit Arbeitslosigkeit und Elend.

Wir fürchten seine Macht und haben ihn doch lieb. Wir müssen ihn bei Laune halten. Er uns aber auch:
Zum Beispiel an Weihnachten: Der allen hinlänglich bekannte Werbe- und Kaufrummel muß immer früher angeschoben werden, jetzt schon Ende September. Außerdem ist er von Jahr zu Jahr durch neue Superlative zu beleben. Die Medien verkünden euphorisch:

– „Weihnachtsbaum am Brandenburger Tor: 30.000 Lichter“
– „19-Meter-Adventskranz in Halblech/Allgäu“
– Weltgrößtes Adventskalenderhaus in Gengenbach“
– Dresdner Riesenstollen (4,34 x 1,77 x 0,74 Meter, Gewicht 3.200 kg) fertig zum Verkauf“
(Die 500.000-Einwohner-Stadt Dresden hat heuer 23 Weihnachtsmärkte. Früher war es mal ein einziger.)

Und wer weiß, was sie in den USA so alles veranstalten..

Eine neue Weltanschauung ist uns geworden. Mancher sieht sie kritisch, mancher beachtet sie nicht – aber viele folgen ihr freudig nach. Ich nenne sie „KONSUMISMUS“ – das klingt so schön wissenschaftlich.
Wohin wird sie uns führen?

Eben ruft Günni an: Er komme nicht aus der Tiefgarage, ein Unfall mache alles dicht. Ich könne mir keine Vorstellung davon machen, was in der Stadt los sei. Alle Welt sei in einen (Kauf-)Rausch verfallen und total unzurechnungsfähig geworden. „Die Leute drehen durch! An den Kassen herrscht das Faustrecht! Ich will nur noch nach Hause! Sei nicht böse. Wir sprechen nach dem Fest. Trotzdem Frohe Weihnachten!
Und versucht, zu überleben…“

Ich bleibe allein mit meinen entbehrlichen Gedanken. Aber was soll man machen? Ich frage die Gattin:
„Sind noch ein paar Kekse da?“ Sie flötet zurück: „Nö, tut mir leid. Die letzten habe ich dem Hund gegeben. Es ist schließlich Weihnachten!“

Noch Fragen?

Bis bald mal wieder
Corbinian Wagenseyl

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