Vier Brötchen bitte

Die Jüngeren unter der geneigten Leserschaft mögen mir ein solches Thema verzeihen. Es handelt kaum von Internet-Google-Facebook-Twitter-email- bluetooth-ipad-ipod usw. Es ist sozusagen nicht online.
Als Angehöriger des Fossilien-Jahrgangs 1940 verstehe ich von alldem halt erschreckend wenig und lasse also lieber die Finger davon. Oder ich frage meinen Freund Günni in Stickenbüttel. Der kennt sich da aus.

Bei Brötchen hingegen kann ich mitreden. Die gab es schon in meiner fernen Jugendzeit. Unser braver Dorfbäcker schuf sie mit seiner Hände Arbeit, jeweils mittwochs und samstags. Ihre Beschaffenheit war: Groß, oval, dunkelblond, Kerbe in der Mitte und knusprig! Vor allem knusprig – auch noch zu Hause. Nicht aufgetaut, aufgewärmt, aufgeblasen, nicht schockgefrostet und kurzzeiterhitzt, nicht gummiartig und nicht leichenblaß. Damals kannte man halt noch keine Backfabriken, Großketten, Factory-Outlets, special-hot-designed-event-shops und dergleichen Segnungen der modernen Zeit. Stattdessen gab es zwei Sorten Mischbrot (hell, dunkel), zwei Sorten klebrige Hefestücke (rund, dreieckig, jeweils entsetzlich süß) sowie eine einzige Sorte Brötchen. Aber all das war immer frisch und schmeckte auch so!

Im dämmrigen Laden war es eng. Hinter dem kleinen Tresen stand, in gestärkter Kittelschürze, die ehrbare Bäckersgattin und verkaufte mit gemessener Würde, was von Zeit zu Zeit aus der Backstube nachgeliefert wurde. Dabei entspann sich etwa folgendes Verkaufsgespräch:

Frau Bäckermeister: „Wer kommt nu?
Nächster Kunde: „Hier, ich!
Frau Bäckermeister: „Und…?
Kunde: „Vier Brötchen
Frau Bäckermeister: „Noch watt?
Kunde: „Nee.(Vergleichen Sie diesen Dialog mit dem Kaufereignis weiter unten.)

Wobei man als Kind tüchtig aufpassen mußte: Man war keineswegs immer gleichberechtigt in der Warteschlange und wurde von gewissen Erwachsenen schon gern mal abgedrängt bzw. „übersehen“.
Der schüchterne Einwand, man sei aber doch jetzt an der Reihe, zog nicht selten den Verweis nach sich: „Nu werde man nich noch frech hier!“.

So war das auf dem Lande – Kinder galten als ganz normale Leute, halt bloß kleiner, und wurden im Alltagstreiben nicht übermäßig geschont. Dabei lernten sie fürs Leben: Achtung! Nicht schubsen lassen! Für sowas brauchte man damals noch keinen Psychiater…

Seither hat sich vieles geändert auf der Welt – auch in meinem ziemlich unauffälligen Dasein.
Geblieben ist mir allerdings die Leidenschaft für frische Brötchen.

Längst wohne ich in einem anderen Dorf. Auch hier gibt es noch einen richtigen Bäckerladen! Der ist sauber und hell, mit einem langen Tresen und appetitlichen Angeboten, ordentlich hinter Glas präsentiert, geschützt vor Staub und Bazillen. (Er hat sogar am Sonntagvormittag geöffnet.) Auch eine adrette, geduldige Frau Bäckermeister ist vorhanden. Sie und ihre Teilzeit-Fachverkäuferinnen kümmern sich freundlich und in reinlicher Schürze um ihre Kundschaft. Man spricht inzwischen Hochdeutsch.

Das Angebot an Backwaren ist vielfältig. Nehmen wir nur die Brötchen. Sie heißen jetzt: Brummer, Knüppel, Weltmeister, Europameister, Kornspitz, Löwen-, Königs-, Bauern-, Tafel- Kartoffel-, Zwiebel-, Dinkel-, Mohn-, Sonnenblum-, Baguette-, oder Doppel-Brötchen… (Die Aufzählung erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit.) Und – Sie werden es vielleicht kaum glauben: Es gibt sogar noch ganz schlichte Exemplare. Die nennen sich „normale Brötchen“. Was aber nicht bedeuten soll, daß die anderen unnormal sind.

Diesen Laden muß man unterstützen. Oder wollen Sie demnächst wegen jeder Scheibe Brot in den Supermarkt fahren? Ich nicht! Also nehme ich unseren treuen Hund Jutta an die Leine, und wir machen einen fröhlichen Morgenspaziergang zum Dorfbäcker. Frauchen kümmert sich derweil ums Frühstück.

Vor dem Geschäft gibt es vier Parkplätze nebeneinander. Im Moment können sie allerdings nicht genutzt werden, denn quer darüber sind zwei Kinderfahrräder verteilt sowie ein „City-bike“ samt Anhänger. Heute ist Sonntag, und Frau Bäckermeister steht allein hinterm Tresen. Drei Erwachsene bilden eine Mini-Schlange und warten geduldig vor sich hin. Ich bin der vierte. Man wechselt ein paar verschlafene Morgengrüße.
Bedient wird gerade ein moderner Vater aus der Neubausiedlung: Rauschebart/Rucksack/Jesuslatschen.
In seinem Gefolge: Kind 1 = Knabe, ca.10 Jahre alt / Kind 2 = Mädchen, etwa 6 Jahre / Kind 3 = wohl auch ein Mädchen, um die 3 Jahre).

Es findet nun ein Kaufereignis statt mit folgenden Beteiligten:
Geduldige Frau Bäckermeister (A) / Moderner Vater (B) / Kind 1/ Kind 2/ Kind 3

A : „Guten Morgen. Was darf´s sein?“
B : „Hallo! Tja, also erstmal…äh…wollt´ich…ääh…paar Brötchen…“
A : „Gern! Wieviele denn ?“
B : „Ja. Moment, muß ich mal kucken…äh…also vielleicht zwei von denen da…“ (deutet ungefähr)
A : „Die Tafelbrötchen?“
B : „Nee – die daneben!“
A : „Diese? Das sind Knusperriesen.“
B : „Genau!“ (werden eingetütet)
Kind 3 : „Papa, muß mal Groß“ (rutscht auf der Taschenablage des Tresens hin und her)
B : „Das geht jetzt im Moment grad´ nicht, Matthäus-Markus!“ (Aha, demnach wohl ein Junge, langhaarig)
B zu A : „Und dann äääh…zwei von denen da, mit den Körnern“
A : „Sesambrötchen! Zwei Stück?“
B : „Ja! Das heißt: Nein! Doch lieber diese bläulichen.“
A : „Die Mohnbrötchen…“
B : „Genau.“ (werden eingetütet)

Ich kürze das jetzt mal ein bißchen ab. Endlich sind zehn Brötchen sorgfältigst ausgewählt, und die mittlerweile sechs Warte-Kunden schöpfen neue Hoffnung, daß es vor Ladenschluß doch noch weitergeht. Irrtum: Jetzt sind die Kinder dran.

B zu Kind 1: „So, Lukas-Johannes! Was möchtest  d u  denn gerne?
Kind 1 : „Egal“ (daddelt auf seinem smartphone, blickt nicht auf)
B : „Na komm! Du magst doch immer am liebsten diese Milchtaler?“
Kind 1 : „Von mir aus…“ (daddelt angespannt)
B zu A : „Also zwei von diesen – äh – Milchtalern“
A : „Die sind aber von gestern.“
B zu Kind 1 : „Lukas-Johannes, hörst du: Die sind aber von gestern. Ist das wohl trotzdem ok für dich?“
Kind 1 : „Ja doch, Mann!! … Oh Scheiße!!!“ (schüttelt heftig sein smartphone, haut mehrmals drauf)
A : „Also zwei Milchtaler von gestern“ (Nimmt eine größere Papiertüte und füllt um)
Kind 3 : „Papa, muß Groß!!“ (turnt auf der Taschenablage herum und begrabscht dabei flächendeckend die saubere Warenschutzscheibe. Entläßt vernehmbar einen heftigen Leibeswind)
B : „Gleich! Gehen gleich! Könntest du bitte noch so lange warten? Das wäre ganz doll lieb?“
B zu Kind 2 : „Und du, Maria-Magdalena, was möchtest du gern? Hast du dir schon was ausgesucht?“
Kind 2 : „Pommes!“ (popelt gerade erfolgreich und betrachtet interessiert die Beute an seinem Finger, wischt diesen dann sorgfältig am Jeans- Jäckchen ab)
B : „Du, haha, ich glaub´, die gibt´s hier wohl gar nicht. Vielleicht ein schönes Stück Kuchen?“
Kind 2 : „Pommes!“ (bohrt noch mal nach, muß mehrfach niesen)
B zu A : „Also dann zweimal Kuchen. Was hätten Sie denn da eventuell so alles…ääh…?“
Kind 3 : „Auch Pommes, auch Pommes, auch Pommes!“ (fällt vom Tresen, wird aufgefangen, plärrt)

Anschließend werden noch erstanden: 1 Brot bitte in Scheiben, 1 Weißbrot wenn´s geht auch in Scheiben, 1 Stück Butter und 2 große Becher Fleischsalat. Schließlich verläßt die junge Familie drängelnd und nörgelnd den Laden und klaubt draußen die geparkten Fahrräder auf. Die Schlange ist inzwischen auf neun Personen angewachsen (meine arme Jutta vor der Tür nicht mal mitgezählt). Alle verhalten sich so diszipliniert, wie der Zeitgeist es vorschreibt. Niemand beschwert sich über zu langes Warten oder Großeinkauf am Sonntag. Allenfalls ein paar verstohlene Blicke und leises Kopfschütteln sind zu bemerken. Eventueller Unmut wird völlig korrekt unterdrückt. Ich aber denke zurück an meine Kindheit, als es nur  e i n e  Sorte Brötchen gab und vieles etwas einfacher war. Das Leben ist heute anders. Auch besser?

… Übrigens: Richtig frische Ware nach alter Art findet man wohl nur noch an der Küste. Zum Beispiel in Stickenbüttel: Wenn Sie dort – sagen wir mal – in ein Fischbrötchen beißen, dann kracht das noch ordentlich! Aber ich kann doch nicht jedesmal extra da hinfahren…

Naja – die vier „Normalen“ von Sonntag haben ja auch ganz gut geschmeckt. Man muß sie halt aufbacken.

Bis bald mal wieder!

Corbinian Wagenseyl

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