Hallo – Wie geht es mir?

Verehrte Leserschaft!

Wer-wo-wie-was–wann?

Um uns im Leben zurechtzufinden, brauchen wir Menschen tagtäglich eine Fülle von Informationen aller Art. So hat unser Schöpfer es eingerichtet, so ist es von jeher gewesen, und so wurde schließlich Google erfunden.

Was wir an nützlichem Wissen, an zweckdienlicher Erleuchtung früher allmählich und teelöffelweise zu uns genommen haben, schütten Wissenschaft und Massenmedien heutzutage mit vollen Kübeln ständig über unsere armen Köpfe aus – als stünden wir unter Niagarafällen von Erkenntnissen und bekämen kaum noch Luft vor lauter Informiertsein. Wieviel Prozent dieses Über-Flusses brauchen wir aber eigentlich? Mag ein jeder das für sich selbst entscheiden.

Wie übersichtlich und entspannend kann dagegen ein persönlicher Gedankenaustausch sein – so von Mensch zu Mensch auf „Augenhöhe“. Man hockt zusammen, erfährt Neuigkeiten, teilt einander Erfahrungen mit, ist einer Meinung oder auch nicht, saugt nützliche Ideen ein wie die Biene den Nektar, hört mal zu und spricht mal selbst – kurzum: Aus einer erhellenden Plauderei geht man irgendwie gestärkt hervor.

Oder nicht?

Fast alle meine Leser/Innen wissen mittlerweile : Meine Kolumnen sind keine wissenschaftlichen Standardwerke. Deshalb verzichte ich auch hier darauf, die Geschichte der Information seit Adam und Eva lückenlos darzustellen. (Wofür gibt es Google?) Ich frage statt dessen nur mal so:

Wer von Ihnen erinnert sich noch an eine spezielle Art von abendlicher Geselligkeit im Freundeskreis, (auf Neudeutsch wahrscheinlich „Sunday-evening-indoor-event“)? Es gab eiskaltes Flaschenbier, lauwarmen Moselwein und klebrigen Likör aus blaßfarbenen Stampern. Dazu Salzstangen und liebevoll dekorierte Käse-Igel. Alle Teilnehmer schauten stumm in die gleiche Richtung. So mancher nickte zwischendurch auch mal ein.

Aus dem Dunkel des Raumes ertönte die eifrige Stimme des Gastgebers: „Und hier steht Anneliese 1) vor der Tempelmauer. Der Hut ist aus dem Basar.“ …Rattratt-Klackklack… „Hier sind wir am Swimmingpool. Da waren morgens schon 35 Grad im Schatten.“ …Rattratt-Klackklack… „Dies ist unser Diener Ali mit dem Hotel-Sekt. Fünf-Liter-Flasche! Trinken, soviel man wollte! “Ratratt-Klackklack…

Sie haben es längst erkannt: Ein klassischer Dia-Abend. Das waren jene gefürchteten Einladungen, denen man nur schwer entkommen konnte. Diesmal waren Bernhard und Anneliese aus dem Urlaub zurück und wollten uns nun teilhaben lassen an 14 Tagen Ägypten mit allem Pipapo. Was hätte sich dazu besser geeignet als eine Veranstaltung, mit der man gleichzeitig Revanche nahm für die vergleichbaren Treffs zuvor, bei denen man seinerseits als Gast gelangweilt schweigen mußte? Heute abend jedenfalls hatte Bernhard das Wort. Und er machte davon ausgiebigen Gebrauch! Rattratt-Klackklack:

Nächstes Foto. Noch 138…

Niemand war bis dahin in Ägypten. Das Interesse an Kamelritt und Pyramidenklettern: Eher mäßig.
Ja – wenn man dabei gewesen wäre. Aber so? Also leidet man still und hofft, daß es bald vorbei sei.
Schließlich der ersehnte Weckruf des Hausherrn: „So – das war´s! Anneliese, machst du mal an?“
Der Deckenstrahler knallt sein Licht in schläfrige Augen. Man behauptet pflichtschuldig: „Sehr schön! Und die Ruinen da unten – sind die alle echt?“ Diese Frage bereut man sofort. Denn sie gebiert eine unnötige Zugabe. „Was denkt Ihr denn? An jeder Ecke ein Tempel! Alles kaputt. Und der Dreck erst… In Luxor war´s besonders schlimm. Da sind die Ratten, äh …

Aber sonst – also, uns hat´s gefallen.“

Gegen Ende des unvergeßlichen Vortrages schaffen es doch noch einige Gewiefte, ihrerseits ein paar Bemerkungen loszuwerden. Am Schluß reden dann alle gleichzeitig, keiner hört dem anderen zu, und schließlich: „War ein toller Abend, Bernhard! Danke nochmal, Anneliese! Und demnächst bei uns, wenn wir aus Thailand zurück sind. Also dann: Tschüühüs!“ (Ägypten? Naja, ich weiß nicht … )

Es gibt sie kaum noch, diese Dia-Schweige-Abende. Heute fotografiert man digital. Und man hat die wichtigsten Bilder auf seinem Smartphone parat. Damit kann man zu jeder Zeit an jedem Ort ein ahnungsloses Opfer überfallen: Willst du mal sehen? Hier – unser Hund/unsere Enkelin/unser Geländewagen/unsere neue Couchgarnitur/unsere Silberhochzeit/unser Urlaub… Eigentlich will ich´s gerade nicht sehen. Aber ich muß. Sonst bin ich unhöflich. Morgen kaufe ich mir auch so ein Gerät! Dann machen Sie besser einen Bogen um mich!

Was ich sagen will? Jeder Mensch – ich auch – erzählt am liebsten von dem, was er weiß und was ihn beschäftigt. Das muß den anderen nicht wirklich interessieren. Hauptsache, er hört zu. Aber auch das klappt nicht immer.

Günni zum Beispiel berichtet von einem Bekannten, der jedes Gespräch mit großem Geschick in einen Eigen-Monolog umlenkt. Gerade neulich hätte der ihn gefragt: „Na – lange nicht gesehen! Wo wart Ihr denn?“ Er, Günni, sei darauf hereingefallen und habe echtes Interesse vermutet. Also habe er angefangen zu berichten: „Wir waren im Harz, unser neues Ferienhaus weiterbauen. Nur ein einziger Regentag. Es geht voran… Wir haben jetzt schon . . .“ Weiter sei er nicht gekommen. Die Gegenseite sei ihm gnadenlos dazwischengefahren: „Hier hat´s ja die ganze Zeit geschüttet. Beim Nachbarn ist der Keller total vollgelaufen. Die Feuerwehr mußte pumpen. Aber bis die gekommen sind … Beim Feiern immer die ersten, aber wenn mal Not am Mann ist … Dabei habe ich ihm damals schon gesagt: Hier kannst du doch keinen Keller bauen! Der läuft dir beim ersten Wolkenbruch voll! Aber er weiß ja alles besser … Voriges Jahr habe ich zu seiner Frau gemeint: Ihr braucht mal dringend neue Reifen für eure Klapperkiste. Aber ach was – die alten sind noch gut. Und was war? Beim ersten Glatteis haben sie im Graben gelegen! Und dann natürlich der Ärger mit der Versicherung. Überhaupt die Versicherungen. Wie mir im März der Ast aufs Dach gekracht ist, … „
Als man sich endlich trennte, habe der Bekannte noch gefragt: „Ihr baut doch irgendwo so´ne Waldhütte. Wie weit seid ihr denn?“

Wir sind bestrebt, bei Gesprächen mit anderen vor allem unser eigenes Anliegen zu vertreten. Zu diesem Zweck wenden wir allerhand Kniffe an. Die Attacke kann frontal erfolgen, aber auch durch die Hintertür – je nachdem. Die letztere Methode geht etwa folgendermaßen :

Am Eßtisch sitzen mehrere Personen
, darunter A,B,C und D.2)

Zwischen A und C entwickelt sich eine auszugsweise Betrachtung der deutschen Militärgeschichte. Person B ist von diesem Thema nicht angetan und versucht mit einem bewährten Trick (abrupter Themenwechsel mittendrin), die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Person D bleibt neutral und kümmert sich um den Kaffee.
Eventuelle weitere Personen äußern sich nicht direkt, sondern widmen sich ausschließlich den dargebotenen Speisen.

A: „Die Pappenheimer Reiter waren ja mehr so eine Elitetruppe.“
C: „Aber hallo! Wie die im Ersten Weltkrieg den Napoleon verhauen haben – mein lieber Mann!“
A: „Wo genau ist das eigentlich gewesen?“
C: „Hinter Wallenstein. Da steht doch seitdem dieses Schillerdenkmal.“
A: „Stimmt. Der war ja bei denen so eine Art General.“
B: „Ich fahre gleich mal zu Brutto. 50 Würstchen für 3,99!“
C: „Und immer, wenn die ihn stramm gegrüßt haben, dann hat er gerufen … “
B: „Ich kann auch gleich zwei Eimer holen. Bei dem Preis!“
A: „ … daran erkenne ich meine Pappenheimer!“
D: „Möchte jemand noch Kaffee?“

Oder ein aktuelles Beispiel

C: „Diese Griechen bringen alles durcheinander!“
A: „Immer neue Schulden, und nun auch noch frech werden … „
C:“ Die führen uns doch an der Nase rum.“
A: „Den Schäuble nicht. Der will sie ja rausschmeißen.“
B: „Heute abend ist Vollmond. Aber erst nehme ich meine Pillen!“
A: „Als wenn Europa keine anderen Sorgen hätte.“
C: „So kann´s jedenfalls nicht weitergehen.“
B: „Weil ich nämlich sonst nicht schlafen kann.“
A: „Die sollen doch erstmal ihre Reichen zur Kasse bitten.“
D: „Möchte jemand noch Kaffee?“

Was das letztere Thema betrifft, so hat neulich die Gesprächsrunde bei Jünter Gauch ein weiteres Beispiel dafür geliefert, wie man eine Diskussion sogar an den Rand des Abbruchs bringen kann, wenn sie nicht nach eigenem Wunsch verläuft. Der Vertreter Griechenlands versagte es sich nicht, jedem der anderen Teilnehmer ständig lautstark und gnadenlos ins Wort zu fallen und niemanden ausreden zu lassen außer sich selbst. Das ging bis an die Grenze des Erträglichen, ohne daß der Moderator indessen eingegriffen hätte. Selbst das Studio-Publikum begann zu murren.

Eine ähnliche Variante ist auch sehr verbreitet: A hat gerade begonnen, ein beliebiges Thema abzuhandeln. B hält einen eigenen Impuls für bedeutsamer und fordert A auf: „Vergessen Sie mal Ihre Rede nicht…“ ( Es geht auch: „Merk´dir mal, was du sagen wolltest…“) A klappt verblüfft den Mund zu, und B übernimmt das Wort.

Leider haben diese Frontal-Attacken längst Einzug in die Öffentlichkeit gehalten und sind damit gewissermaßen hoffähig geworden. (Wie angenehm zurückhaltend agiert dagegen die Queen. Sie sagt fast gar nichts – und alle haben sie lieb.)

Am Telefon meldet sich Tante Berta:

– „Kinder! Hallo – wie geht es euch? Corbinian – was macht dein Asthma?“
– „Ach danke, Tante Berta. Es ist manchmal schon ziemlich …“
– „Was ich immer gesagt habe. Damit ist nicht zu spaßen! Eine Bekannte von mir, der ihr Mann hat einen Kollegen – der hat das auch gehabt. Von einem Arzt zum anderen. Keiner hat was gemacht.
Drei Kuren im Schwarzwald, Akupunktur, Heilpraktiker – vorigen Monat ist er gestorben – mit 74!!
Wie alt bist du jetzt eigentlich?“
– „Ich bin …“
– „Siehst Du! Naja – mir geht’s ja auch gar nicht besonders. Die Füße – ihr wißt ja. Immer diese Schmerzen. Besonders nachts. Mein Doktor sagt: Schwere Poly-neuro-pathietis. Ich soll wieder zum Orthopäden. Als Notfall. Sonst kriege ich keinen Termin. Neue Einlagen brauche ich auch. Was das alles kostet. Und der rechte Daumen tut jetzt auch schon weh.“
– „Tante Berta, es…“
– „Der Zahnarzt will mir vier Zähne ziehen. Vier! Und dann Implantate rein. Klar, der will richtig Geld
verdienen. Aber ich bin doch nicht verrückt! Und dann womöglich trotzdem immer Ärger? Bei meiner Freundin sitzen die überhaupt nicht – und waren so teuer.“
– „Liebe Tante…“
– „Gleich! Wißt Ihr eigentlich, daß ich 5 Tage im Krankenhaus war? Mit Hörsturz? Kommt der Doktor rein und schreit mich an: „Na – wie geht’s uns denn!?“ Sage ich ganz kühl: „Wie´s Ihnen geht, weiß ich nicht. Mir geht’s schlecht, sonst wäre ích ja wohl nicht hier.“ Lacht der auch noch! Also diese Ärzte –
heutzutage – alles Ausländer! Wie meine Nachbarin voriges Jahr in der Klinik war, kam sogar ein…“
– „Tante Berta!! Ich muß jetzt wirklich – leider – Arzttermin…“
– „Naja, wie üblich – keine Zeit für die alte Tante! ich wollte auch bloß mal hören, wie es euch geht. Also meldet euch. Und bleibt schön gesund. Tschüssi!“

Wenn wir jemanden über unser Befinden informieren wollen, beginnen wir am besten mit der scheinheiligen Frage: „Hallo – wie geht es dir?“ Eigentlich müßte es heißen: „Hallo – wie geht es mir?“ Das käme der Wahrheit näher. Aber die behält man besser für sich, denn sie ist nicht sehr beliebt.

Ich kenne nur ein Mittel gegen dieses „Wie geht es dir?“

Man antworte mit sorgenvoller Miene: „Auch schlecht!“

Manchmal hilft´s.

Bis bald mal wieder

Corbinian Wagenseyl

1) und 2): Namen frei erfunden

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