Fernsehen macht gesund

Wir hocken mal wieder beim Pichelwirt zusammen, Freund Günni und ich. Die Welt läuft aus dem Ruder und wartet auf unsere Rettungsversuche. Doch diesmal tun wir uns schwer: Naturkatastrophen, Flüchtlingsströme, Ukraine-Krise, Ebola, „Glaubens“kriege, Mord und Totschlag, Hunger und Elend überall. Ein bißchen viel auf einmal. Und nicht mehr weit von Europa entfernt, nicht einmal von Stickenbüttel.

Wir müssen etwas unternehmen. Aber was? Guter Rat ist teuer.

Plötzlich ereignet sich hinter uns eine heftige Explosion. Gleich darauf eine zweite. Selbstmordattentäter! Sie sind schon hier! Jetzt sind wir dran!! Viel zu spät ziehen wir die Köpfe ein.

Aber Entwarnung: Ein dicker Herr am Nachbartisch hat nur geniest. Gottlob!
Von allen Seiten schallt es erleichtert und anerkennend „Wohl bekomm´s!“, „Aufwischen!“, „Jemand verletzt?“ und – ganz klassisch – „Gesundheit!“ – „Danke, danke – die kann ich brauchen!“ schnieft der dicke Herr zurück.
Er bemüht sich verstohlen, ein paar feuchte Bröckchen von der Tischdecke zu entfernen. Hatte wohl gerade den Mund voll. Seine Begleiterin schämt sich ein wenig für ihn und zischelt halblaut etwas wie „zu Hause sofort ins Bett“ und „kalte Wadenwickel“. Der Rest geht in einer erneuten Detonation unter. Der dicke Herr ist leidend.

Wir sind bis jetzt noch nicht weit gekommen mit unseren Bemühungen, die Probleme der Gegenwart zu lösen. Deswegen nehmen wir das neue Stichwort – als Alternative – dankbar auf:

„Gesundheit… Die braucht wirklich jeder“ meint Günni nachdenklich.
„Gesundheit ist das höchste Gut!. Wenn man gesund ist, läßt sich alles andere regeln! Glaub´s mir – ich habe jetzt den richtigen Durchblick!.“
Er rückt seine elegante Kassenbrille wieder zurecht. „Da staunst Du! Von Spielmann.“ erklärt er.
„Zu Hause habe ich noch eine, ohne Gläser – ganz kostenlos.“
Ich justiere unauffällig mein neues Hörgerät nach. „Was hast du denn da?“
„Ach – ich habe jetzt ein Rind im Ohr. Damit ich dich besser hören kann! Hahaha… Aber du hast recht: Gesund muß man sein. Nur: Wer von uns ist das schon? Irgenwann erwischt es jeden. Zwar: Wir Europäer haben es noch besser als ein Großteil der Erdbevölkerung: Sind wir krank, so hilft der Doktor, rät der Apotheker, zahlt die Kasse. Aber wie lange noch? Die Menschen werden immer älter, viele Fremde kommen jährlich neu zu uns und wollen Hilfe ohne Beitrag! Alles wird immer teurer, die Ärzte versickern im Ruhestand. Wer kann sich da am Ende Gesundheit überhaupt noch leisten? Wer hilft noch einem armseligen Kassenpatienten?“

Wir nehmen einen tiefen Schluck und legen unsere Stirn in Falten. (Das müßte eigentlich nicht sein, denn neuerdings gibt es BetonIn, damit kriegen Sie jede Fuge dicht. Jetzt auch in der himmelblauen Spartube).
Aber seien wir unverzagt! Da ist ja noch das Fernsehen mit seinen Werbesendungen. Es überläßt uns nicht ratlos unseren Leiden, sondern zeigt uns hundert Wege aus der Resignation! Man muß es nur einschalten.

Freilich: Der dicke Herr mit seinem Katarrh hat, so vermuten wir, gar kein Fernsehgerät – sonst wäre er nicht krank. (Früher hieß es immer ein klein bißchen frivol: „Wenn´s vorne juckt und hinten beißt, nimm den und den Melissengeist.“ Der half zumindest den biederen Klosterfrauen, die ihn angeblich brauten. Das war noch in der naiven alten Radiozeit. Heute sind wir natürlich weiter – allerdings nur mit Flachbildschirm und Schüssel.)

Heute wissen wir dank Fernsehwerbung alles über die Bekämpfung von Husten, Schnupfen, Heiserkeit: Einen Teelöffel Hustolin beim Zubettgehen – und morgen fühlen Sie sich wie neugeboren. Kopfweh haben Sie auch? Welche von 124 Arten ist es denn bitte? Egal – kein Problem! Betrachten Sie mal das trick- gewandelte Antlitz dieses Menschen in unserem Spot: Am Anfang von Schmerz entstellt, hernach glücklich und entspannt – dank unseres Wundermittels Tamapyran. Und für Kinder gibt´s die lustigen Tamapyran-Bärchen im Kullerglas…

Sie können trotzdem nicht einschlafen? Aber aber: Kennen Sie denn nicht unsere Pastillen „Murmeltirum“?? Die roten?? Versuchen Sie es damit – und Sie wachen vielleicht gar nicht wieder auf! Beachten Sie einfach die FS-Information: Wie die schicke Dame in unserer Abendwerbung es doch noch schafft, beseligt zu entschlummern. Rührend eigentlich! Das zeigen wir gern gleich hinter dem Hämorrhoiden-Mittel-Spot. Sie kennen ihn vielleicht: „Wenn´s juckt und brennt…“ Ulkig, das Trickmännchen, was? Verschwindet rasch auf dem Klo und kommt ganz euphorisch wieder raus? (Ganz wichtig: Ihre Hämorrhoiden müssen Sie immer im Auge behalten! Hahaha! Naja, ein bißchen Spaß muß sein…)

…auch im Bett: Das alte Problem der – äh – Blasenschwäche ist keines mehr: Dieser unglückliche Mann, wie er in seinen Kissen wühlt und fünfmal pro Nacht raus muß: Das ist doch kein Leben! Wer hält das aus!? Nun aber hat er Nase voll von Blase voll! Morgen früh besorgt er sich sofort die tausendfach bewährten Grinofunk-Pastillen. Schon nach drei Monaten muß er nur noch viermal laufen und erreicht damit eine ganz neue Lebensqualität. Und sein anderes typisches Männerleiden? Könnte bald behoben werden dank unserer Info-Broschüre „Die glückliche Prostata“. Gibt es kostenlos in jeder Apotheke oder im Internet unter „www.glückstata.de.“ Mit 216 Ratschlägen für ein geordnetes Herrenleben. Einfach anfordern! Beachten Sie auch unsere Hinweise täglich um 17.10 und 18.53 Uhr bei satt1. Sie werden garantiert froh!

Damit das auch mit der Potenz wieder hinhaut (die Partnerin hat ihre Scheidentrockenheit dank Gleitoline überwunden und liegt freundlich lauernd neben ihm), wirft sich unser Freund von Fall zu Fall auch gern zusätzlich ein dezentes Dragee Männergold ein – aber nie mehr als höchstens zwei, sonst gibt es Risiken und Nebenwirkungen wie z.B.: Haarausfall. Im übrigen bleibt er gelassen. Denn zweimal wöchentlich, vor dem Sandmännchen, verkündet ein privater Fernsehsender die frohe Botschaft, daß schütteres Haar sich explosionsartig vermehrt dank des amerikanischen Wundermittels Haar-Rise. Was da sprießt meine Herren, sind keine Perücken,! Nur mit dem Super-Haarschneider der Firma Blau und Grün läßt sich notfalls alles in wenigen Sekunden wieder entfernen. Falls jemand doch lieber Glatze trägt. Der greift dann getrost zurück auf das extra milde Hautpflegemittel Popodur, dem er volles Vertrauen entgegenbringen kann, denn: Regelmäßig angewendet, erzeugt es einen unvergeßlich milden Schimmer auf seinem Haupt, wie ihn die Damen so lieben. (Ist übrigens auch gut für den Babypo und gegen Altwerden ganz allgemein.)

Apropos : Wie steht es mit Ihren Zähnen?? Weiß und glänzend? Oder eher braun und unansehnlich? Dann empfehlen wir unbedingt toothie-clean, ebenfalls aus den USA. Dort wendet das jeder farbige Bürger an. Und was haben die für Zähne! Ach, Ihre sind zum Rausnehmen? Ja, sagen Sie das doch offen! Wenn die gut sitzen, merkt´s ja keiner. Vertrauen Sie einfach auf denta fixum forte – und Sie müssen nie wieder in der Kloschüssel herumangeln!

Bliebe noch Ihr Mundgeruch. Sie merken das wohl gar nicht!? Aber die Leute! Dagegen hat man Haucholin! Wozu gibt es denn die Infos im Fernsehen? Und Sie?? Den ganzen Tag nur Kultur und Blasmusik, was? Oder Nachrichten, hm? Sind wohl Privatpatient, hä!? Wieder so einer…Und dann aus dem Mund riechen!
Das macht man heute nicht mehr! Informieren Sie sich mal gefälligst etwas genauer…“

Sollten Sie sich all die guten Empfehlungen nicht recht merken können, dann benötigen Sie umgehend eine Intensiv-Trinkkur nach Dr. Amnesius von der Gedächtnisquelle Bad Gurgelbach. 3-4 Liter Mineral-Spezial pro Tag – und Ihr Gedächtnis flutscht wieder wie frisch gewaschen. Dann können Sie sich auch besser einprägen, daß man bei Herzschwäche keinesfalls auf die Kraft der zwei Pingeng-Wurzeln verzichten sollte. Millionen Chinesen leben von nichts anderem.

An dieser Stelle fängt Günni an, sich dezent zu räuspern. Seine neue Brille beschlägt ein bißchen.
– „Was ist denn los – bist Du krank?“
– „Nicht direkt. Ich habe Sodbrennen. Irgendwas war mit dem Essen!“
– „Mensch, mach keinen Quatsch! Hier ist kein Fernseher. Wir können niemanden um Hilfe fragen.“
– „Reg dich nicht auf. Ich habe noch vom letzten Mal ´n paar Pillen in der Jacke… warte mal… hier:
Sodomum-linksrum. Gut verträglich. Den Tip habe ich aus LTR 4. Da sieht man, wie ein Teufel
einem Männeken den Bauch ausbrennt, aber dann kommt Sodox mit der Pillbox und scheucht ihn weg.
Mein Lieblingsmittel übrigens. Hilft auch gegen Pickel und Achselschweiß. Sagt jedenfalls mein Nachbar.“
(Er schluckt zwei Stück mit sichtlichem Wohlbehagen.)
– „Tatsächlich? Ich nehme immer 7-Tage-Anti-Müffel, auch bei brüchigen Nägeln.“
– „Das ist mir zu teuer! Da kauf´ich mir lieber Räumfix forte. Kennst du das? Wenn du mal nicht aufs Klo…,
ich meine: Wenn du mal nicht schei…“
– „Schon gut! Man soll den Darm nicht auf die leichte Schulter nehmen!“
– „Genau. Aber das schlägt durch! Ich sage nur: FDZ! Immer vor der Gestern-Sendung kurz vor 7.00.“
– „Mag sein. Bloß diese Blähungen… Immer, wenn man sie nicht brauchen kann! Gibt es da auch was?…“
– „Mensch, Corbinian! Das weiß doch wirklich jedes Kind: („Ihre Blähungen haben Sie im Griff mit unseren Expreß-Tropfen Antipupum. Sogar mal klinisch erprobt.“) Kuckst du denn gar keine Fernsehwerbung???“
– „Klar doch! Ich habe sogar einen absoluten Lieblingsfilm – aber das bleibt unter uns – der kommt immer kurz vor 20.00 Uhr im Fünften. Also paß auf:
Der Strand von Cuxhaven. Und plötzlich kommt von hinten so ein flottes Weib angejoggt in einem gelben Bikini. Immer am Wasser lang. Und die hat einen Laufstil – aber hallo! Mir wird jedesmal ganz anders. Gelb ist nämlich meine Lieblingsfarbe. Und dann dieser vollcoole Blick, als sie an den beiden Rettungsknaben da vorbeisprintet. So ungefähr „Na, Jungs?? … Aber nicht mit Euch!“ Da kann einem direkt…“

Hier unterbricht mich Günni lässig: „Kenn´ich doch, Alter! Die läuft um die Wette mit so einem fetten Köter. Der hoppelt mühsam nebenher und läßt die Zunge raushängen.“
– „Wer?“
– „Der Köter. Müßte dringend abnehmen, sonst ist die Mutti schneller.“
– „Komm, ich weiß ja, daß du dicke Hunde nicht leiden kannst. Aber dieses Rasseweib mit dem gelben…“
– „Ach hör doch auf. Gelb ist nicht mein Ding! Wenn´s wenigstens ein grüner wäre. Außerdem sticht die ihren Freund zum Schluß in den Bauch. Keine Ahnung, warum.“
– „Ja, aber doch nur mit dem Finger!“
– „Egal – so was kann ich nicht verknusen.“
– „Worum genau geht´s da eigentlich?“
– „Was weiß ich. Der Hund soll wohl schon morgen eine Bikini-Figur haben oder so was.“
– „Dann kriegt er auch ein gelbes Höschen, ha ha ha…“

– „…ha-haaabummtschiiii!-tschiaa!!!“

Das Lokal wird durch eine neuerliche Detonation erschüttert.. Dann drückt sich der leidende dicke Herr hinter seiner unmutigen Begleiterin Richtung Ausgang und entschuldigt sich krächzend zu uns rüber:
„Morgen gehe ich zum Doktor!“

Und was sagt Günni da?

„Kaufen Sie sich lieber einen ordentlichen Fernseher! Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Ihren Arzt oder Apotheker!“

Bis bald mal wieder
Corbinian Wagenseyl

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

acht + sieben =