Das Leberwurst-Syndrom

Mal ganz im Vertrauen…

Entbehrliche Gedanken zum Thema: Über die Kunst, sich diskriminiert zu fühlen

Was ist das Problem?

Anderen Leuten etwas Schlechtes nachzusagen oder sie ein bißchen im Ansehen nach unten zu drücken, bereitet uns Menschen seit jeher ein ziemliches Vergnügen. Auch heute machen wir davon eifrig Gebrauch, wobei moderne Massenkommunikationsmittel wie Facebook und Co unseren Wirkungskreis auf ungeahnte Weise vergrößern. Angesichts der häufigen Anwendung dieser Verfahren kann man mittlerweile getrost von einem Volkssport sprechen.

Die Rede ist vom „Diskriminieren“. Darunter versteht man lt. Duden-Fremdwörterbuch:

1) Durch (unzutreffende) Äußerungen bzw. Behauptungen in der Öffentlichkeit jemandes Ruf oder Ansehen schaden.

2) Durch unterschiedliche Behandlung jemanden benachteiligen oder zurücksetzen.

Ob sich ein einzelner oder eine Gruppe durch jemanden bzw. etwas diskriminiert fühlt oder selbst jemanden diskriminiert, hängt vom jeweiligen Fall ab. Unsere Multikulti-Gesellschaft bietet alle Möglichkeiten.

Dabei kann es geschehen, daß sich ein Opfer – nachvollziehbar oder nicht – so richtig mies behandelt sieht und entsprechend schmollt. In diesem Fall spricht man gern und nicht ohne Schadenfreude von einer „beleidigten Leberwurst“. (Warum ausgerechnet diese leckere Sorte und nicht z.B. Mortadella oder Camembert, konnte ich leider nicht herausfinden. Ich vermute eine gezielte Diskriminierungs-Kampagne durch die „Vereinigten Käsfreunde Deutschlands“.)

Fortan leidet der Betroffene jedenfalls am sogenannten „Leberwurst-Syndrom“ (Verletzung des kostbaren Selbstwertgefühls etc.), und seine Reaktionen auf diese Erkrankung können zuweilen recht unterhaltsam sein. Ein Beispiel:

Zu klein? Aber nur außen!

Vor kurzem ging eine lustige Meldung durch die Medien:

Eine junge Dame hatte sich bei einer großen deutschen Fluggesellschaft um eine Pilotinnen-Ausbildung beworben. Leider mußte man sie abweisen, weil sie in einem Punkt den strengen Anforderungen der Airline nicht entsprach: Mindestgröße 165 cm – damit der oder die Betreffende später im Cockpit möglichst alle Knöpfe und Hebel erreicht und auch noch aus dem Fenster gucken kann.

Das Problem: Die Dame brachte es trotz aufrechtester Körperhaltung leider nur auf 161 cm und mußte sich daraufhin wegen lumpiger 40 Millimeter von ihrem Lebenstraum verabschieden. Zu klein zum Fliegern!

Ein anderer Mensch an ihrer Stelle hätte sich zwar vielleicht ebenfalls geärgert, sich dann aber nach einer alternativen Beschäftigung umgesehen. Nicht so diese Bewerberin: Sie zog allen Ernstes vor den Kadi. Und das Tollste: Es fand sich tatsächlich ein Richter oder eine Richterin, welche/r die nichts ahnende Fluggesellschaft zu einer Zahlung von € 14.175,– (!!) an die Klägerin verdonnerte. Begründung: Weil Frauen im Schnitt kleiner seien als Männer, sähe sich die junge Dame durch die geforderte Mindestgröße diskriminiert. Das kostet dann halt.

Und jetzt kommen Sie.

Die Idee allerdings ist gut

Diese Begebenheit hat wohl tatsächlich stattgefunden Jedenfalls bietet sie viel Raum für Phantasie. Wenn das beschriebene Verfahren Schule macht, könnte sich daraus ein völlig neuer Brotberuf entwickeln:

Abweisungs-Opfer

Ein Mensch mit totalem Seh-Handicap (früher sagte man: „Ein Blinder“) will unbedingt Fahrschullehrer werden oder Lokführer. Bei Ablehnung seiner Bewerbung fühlt er sich diskriminiert und erwirkt vor Gericht eine nahmhafte Zahlung auf sein Konto.

Für eine hochgradig hörgeschädigte Menschin („Eine Taube“) kommt als Berufswunsch nichts anderes in Betracht als z.B. Klavierstimmerin. Wenn´s nicht klappt: Ablehnung = Diskriminierung = Gutschrift.

Der japanische Sumo-Kämpfer Harakiri Sushi, genannt „der sanfte Bulle“ (Kampfgewicht 182,3 kg), mag nicht länger durch den Ring gewuchtet werden und möchte in Deutschland (er hat da eine Oma) umsatteln auf Pferde-Jockey (Höchstgewicht 51,27 kg mit Helm). Bei Nichtberücksichtigung seiner Bewerbung kann er gleich zweimal kassieren, denn: Der Rennstall versagt ihm a) die Gleichbehandlung und verhält sich b) ausländerfeindlich. Unser Freund ist ein gemachter Mann.

Es geht aber auch ohne Honorar:

Ich begebe mich hochgestimmt im verschwitzten Norwegerpulli, erdiger Latzhose und Gummistiefeln von der Gartenarbeit direkt zur Premiere von „Aida“ ins Opernhaus. Dort stolziert das übrige Publikum provokant in feiner Abendgarderobe herum, riecht nach Parfum und läßt mich dadurch fühlen, daß es sich für „etwas Besseres“ hält: Diskriminierung vom Feinsten!

Oder:

Obwohl magenleidend, suche ich ein stadtbekanntes Vier-Sterne-Restaurant auf und verzehre dort mühevoll eine leichte Tomatensuppe an einem Gläschen lauwarmem Leitungswasser. Um mich herum wird rücksichtslos getafelt und geschlemmt, als gäbe es meine Gastritis überhaupt nicht. Mit Recht fühle ich mich diskriminiert und werde diese armselige Kneipe nie wieder betreten!

Die Beleidigung der Leberwurst

So weit in aller Kürze ein paar Beispiele für erlittene, also empörende Diskriminierung. Sie offenbaren einen gemeinsamen Grundgedanken:

ICH, das Zentrum der Schöpfung, fordere für mich etwas Besonderes. Da ich es aber nicht ohne weiteres kriege, verlange ich nun kategorisch, daß die Welt in meinem Sinne geändert werde. Mein Wille sei dein Gesetz! Ich rangele mit dem Rest des Universums um die Erfüllung meiner Forderungen, auch wenn sie vielleicht noch so albern sind. Erweisen sich Menschen, Regeln, Umstände als stärker, so bin ich entsprechend beleidigt und damit zwangsläufig ein Opfer des Leberwurst-Syndroms.

Nur eins kann mich noch retten: Ein deutsches Gericht! Vorausgesetzt, ich kann mir den richtigen Anwalt leisten.

Immer schön korrekt

Klar ist: Nicht jeder Betroffene schafft es, eine erlittene Diskriminierung gelassen hinzunehmen oder gar Kapital daraus zu schlagen Die meisten fühlen sich gekränkt und verletzt – womit der Diskrimineur sein Ziel in etwa erreicht hat.

Andererseits fehlt es nicht an vielen ernsthaften, nicht selten auch skurrilen Bemühungen, das ganze Diskriminierungsunwesen einigermaßen im Zaum zu halten. Staat und Gesellschaft überbieten einander dabei in wahrhaft missionarischem Eifer. Nehmen wir nur mal ein paar verordnete oder herbeidiskutierte Sprachregelungen
(siehe auch meine Kolumne „Sag niemals schwarz„):

– diskriminierend: „Arbeitsamt“    – korrekt: „job-center“ (sogar Englisch – toll!)

– diskriminierend: „dumm“            – korrekt: „bildungsfern“

– diskriminierend: „Behinderter“   – korrekt: „Mensch mit Handicap“

– Der Rauschgifthändler wird zum Euphorisierungs-Berater

– Eine voll geständige Kindsmörderin, womöglich auf frischer Tat ertappt, bleibt bis zum Gerichtsurteil gleichwohl nur „mutmaßlich“.

– Und jene zugewanderten Spezialisten aus einem benachbarten Kontinent (ex „Ausländer“), die sich als innovative „Antänzer“ um Smartphones und Geldbörsen ihrer deutschen Gastgeber kümmern, werden demnächst offiziell „Migrationsspezifische Fachkraft für rhythmische Eigentumsübertragung“ genannt.

Ein erster (Tanz-)Schritt in die Integration!

Ein Amt für alle Fälle

Nichts schätzen wir Basis-Deutschen mehr als Ordnung. Deshalb haben wir selbstverständlich auch etwas für das Diskriminierungs-Vermeidungs-und- Bekämpfungs-Wesen erfunden: Die „Antidiskriminierungsstelle des Bundes“. Diese Stelle gibt es wirklich. Sie ist ausgerüstet mit Telefon/e-mail-Adresse/Web-Seite und einer Fülle von Broschüren und Beratungskompetenz rund um unser heutiges Thema. Sie kann von jedermann und jederfrau jederzeit kostenlos usw usw…

Seit ich von diesem Amt weiß, blicke ich wieder vertrauensvoll in die Zukunft.

Und rege mich auch nicht mehr über nachfolgende Schluß-Episode auf, sondern lache darüber. Lachen Sie mit!

Stillen – aber nicht im stillen

In einem deutschen Großstadt-Café gewinnt eine frisch gebackene Mutter den Eindruck, ihr Säugling habe plötzlich dringenden Nahrungsbedarf, und beginnt unverzüglich, den Dürstenden in aller Öffentlickeit auf natürlichste Weise zu stillen. Obwohl es sich rein ethisch betrachtet um eine ebenso elementare wie anrührende Szene handelt, sind fremde Augenzeugen von solcher Darbietung nicht immer automatisch begeistert. Auch im vorliegenden Fall wird die junge Frau durch das Personal höflich ersucht, ihren Ausschank im Gastraum einzustellen, weil derlei hier weder üblich noch erwünscht sei.

Halllooooo??!! Das ist ja wohl eine unglaubliche Diskriminierung oder was??! Aber nicht mit einer deutschen Erstmutter!!

Empört verläßt man diese familienfeindliche Stätte und wendet sich umgehend mit einer Online-Petition an die Bundesfamilienministerin. Man fordert mit Nachdruck ein sofortiges neues Gesetz, wonach „auch stillende Frauen das Recht haben, am öffentlichen Leben teilzunehmen, ohne diskriminiert zu werden“. Will heißen: Ob im Supermarkt oder in der Straßenbahn: ICH stille mein Kind, wann und wo immer ich will!

Wie nicht anders zu erwarten, entbrennt eine aufgeregte Debatte um die Verfolgung säugender Bürgerinnen. Und wieder einmal gibt es bittere Klagen über die deutsche Kinderfeindlichkeit im allgemeinen. Schließlich wird sogar die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (s.o.) eingeschaltet sowie die „Stillbeauftragte des Deutschen Hebammenverbandes“. (Ich wußte gar nicht, daß es so jemanden gibt.)

Hier wirft Freund Günni auf seine trockene Art ein:

„In Deutschland haben wir halt eine Leitkultur und eine Streitkultur. Selbst um Titten wird gestritten!“ (Bitte entschuldigen Sie seine rustikale Ausdrucksweise. So redet er nur, wenn ihn etwas sehr bewegt.)

Ob und mit welchem Ergebnis dieser bedeutsame Zwist beigelegt worden ist, weiß ich nicht. Stattdessen fand ich aber in einem führenden deutschen Wochenmagazin eine Art Offenen Brief.

Er war an die vorerwähnte Säuglingsmama gerichtet und erinnerte sie und ihre Gesinnungsschwestern daran, daß ihre Kinder hierzulande eigentlich sehr behütet aufwachsen, in Sicherheit, Frieden und Freiheit, umhegt von Kindergeld, Krabbelgruppen, Kitas, Mutter-und-Kind-Kuren, Wahlschulen, Schulessen usw. Die Zuschrift gipfelte in der Vermutung, daß die Damen mit ihren Luxus-Problemen angesichts des Weltelends ringsum wohl „einen an der Waffel“ haben.

Ich finde: Schöner kann man es nicht sagen.

Bis bald mal wieder!

Corbinian Wagenseyl

Anmerkung zu vorliegender Glosse: Aus Besorgnis, jemanden ungewollt zu diskriminieren, habe ich zunächst konsequent beide bisherigen Haupt-Geschlechter per Schrägstrich berücksichtigt: Er/Sie, Richter/Richterin, Lokführer/Lokführerin, ihre/seine usw. Dies ergab ein so schlecht lesbares (um nicht zu sagen: bescheuertes) Schriftbild, daß ich es Ihnen, verehrte Leserschaft, nicht zumuten wollte. Mit Billigung der Redaktion habe ich also wieder wie früher geschrieben, ohne IHN oder SIE irgend benachteiligen zu wollen. Es sind selbstverständlich immer alle Geschlechter gemeint, also auch die neu hinzugekommenen. C.W.

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